Im März war die Welt noch in Ordnung. Die Schufa, Deutschlands mächtigste Auskunftei mit Daten von mehr als 68 Millionen Menschen, trat vor die Öffentlichkeit und versprach etwas, das man in diesem Land sonst nur von Menschen hört, die gerade ein Fitnessstudio-Abo abgeschlossen haben: einen Neuanfang. „Ein Score. Zwölf statt 100 Score-Kriterien.“ Der weltweit erste, vollkommen transparente Score. Jeder sollte nachrechnen können, wie er bewertet wird.

Applaus. Sogar die Verbraucherschutzministerin lobte. Man war gerührt. Endlich, dachte man, erfährt man, warum der Handyvertrag abgelehnt wurde. Vielleicht wegen des Umzugs. Vielleicht wegen der Postleitzahl. Vielleicht, weil man um drei Uhr nachts bei Zalando bestellt.

Die Sache mit dem zweiten Score

Nun zeigen Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung: Neben dem einen, transparenten Score gibt es weitere, deutlich komplexere Bewertungen. Darunter ein „Hypotheken-Score der neuen Generation“, der Banken laut den Recherchen bereits seit Sommer 2025 angeboten wird. Wie er funktioniert, wollte die Schufa auf Anfrage nicht sagen. Man werde ihn der Öffentlichkeit erläutern, sobald er für Verbraucher „relevant“ werde. Wann das ist? Unklar.

Transparenz nach Schufa-Art: Du darfst alles sehen. Außer das, was über dich entscheidet.

Für Verbraucher*innen ist das ein vertrautes Gefühl. Man steht vor einer Glasscheibe, dahinter wird über das eigene Leben verhandelt, und auf der Scheibe klebt ein Sticker mit der Aufschrift „Wir sind für Sie da“. Matthias Spielkamp von AlgorithmWatch nannte die Transparenzoffensive im Nachhinein einen „ganz großen Schwindel“. Wir hätten es „kreative Lesart“ genannt, aber gut.

Warum das kein Nischenthema ist

Ein Score ist ein Algorithmus mit Konsequenzen. Er entscheidet mit, wer eine Wohnung bekommt, einen Kredit, eine Versicherung. Für Menschen, deren Lebensläufe nicht in Norm-Formulare passen, ist das kein abstraktes Problem: Wer seinen Namen geändert hat, wer oft umgezogen ist, wer keine klassische Familie mit gemeinsamen Konten hat, taucht in Daten anders auf. Und niemand kann sagen, ob „anders“ im Modell „riskant“ bedeutet.

Genau deshalb war das Versprechen so wichtig. Und genau deshalb ist die Enttäuschung so groß. Es geht nicht darum, dass Auskunfteien rechnen. Es geht darum, dass man nachrechnen darf.

Was du tun kannst

Du hast nach der DSGVO das Recht auf eine kostenlose Datenkopie bei der Schufa. Darin steht auch, welche Scores über dich abgefragt wurden, allerdings erst im Nachhinein. Fordere sie an. Einmal im Jahr, wie eine Zahnreinigung für deine Daten. Und wenn dir etwas falsch vorkommt: Berichtigung verlangen. Schriftlich. Freundlich. Bestimmt.

Denn wenn eine Maschine über dich urteilt, ist Neugier kein Misstrauen. Es ist Selbstverteidigung.

Was wirklich passiert ist

  • NDR und SZ berichten, dass die Schufa neben dem angekündigten transparenten Score weitere, komplexere Bewertungen entwickelt hat und Banken bereits einen neuen Hypotheken-Score anbietet. tagesschau.de, 30.09.2026
  • Datenkopie nach Art. 15 DSGVO: kostenlos bei der Schufa anforderbar.