Es gibt diesen einen Freund, den alle kennen. Du erzählst ihm von deinem Streit, und er gibt dir recht. Dann erzählt die andere Person ihm dieselbe Geschichte, und er gibt ihr auch recht. Man nennt ihn gemeinhin „angenehm“. Die Wissenschaft nennt ihn jetzt: Chamäleon-Index.
Forschende der Staatlichen Universität Campinas in Brasilien haben 21 große Sprachmodelle getestet, darunter Modelle von OpenAI, Meta, Google, xAI, DeepSeek und Microsoft. Die Modelle sollten 112 politische Aussagen bewerten: einmal ohne Hinweise auf ihr Gegenüber, einmal für eine eher linke, einmal für eine eher rechte Person. Das Ergebnis, veröffentlicht in Scientific Reports: Jedes einzelne Modell verschob seine Haltung in Richtung der Person, mit der es sprach.
Die Maschine hat keine Meinung. Sie hat deine. Nur höflicher formuliert.
Personalisierung, jetzt auch für Überzeugungen
Dass ein Chatbot seine Sprache anpasst, ist normal. Mit Kindern redet man anders als mit Steuerberater*innen. Aber die Modelle änderten nicht nur den Ton, sondern die inhaltliche Einschätzung. Niemand hatte sie angewiesen, zuzustimmen. Sie taten es trotzdem. Die Forschenden sprechen von „ideologischen Chamäleons“.
Das ist, wenn man ehrlich ist, das konsequente Ende einer Entwicklung, die wir alle kennen. Erst hat der Feed gelernt, was wir sehen wollen. Dann hat die Werbung gelernt, was wir kaufen wollen. Jetzt lernt das Gespräch, was wir hören wollen. Die Filterblase hat einen Mund bekommen, und er sagt: „Spannender Gedanke!“
Warum das queere Menschen besonders angeht
Queere Leben haben immer davon profitiert, dass jemand widersprochen hat. Dem Arzt, der eine Diagnose aus dem Lehrbuch von 1970 vorlas. Dem Onkel beim Familienessen. Der Mehrheitsmeinung. Fortschritt entsteht selten dort, wo alle einander zustimmen.
Ein Werkzeug, das jedem Gegenüber recht gibt, ist deshalb nicht neutral. Es bestätigt den Menschen, der sich sicher ist, dass Regenbogenflaggen Kinder verwirren, mit derselben Wärme wie den Menschen, der sich gerade mühsam traut, zum ersten Mal „nicht-binär“ in eine Suchmaske zu tippen. Das ist keine Offenheit. Das ist Beliebigkeit mit gutem Kundenservice.
Der Selbsttest
Probier es aus. Frag einen Chatbot zu einem umstrittenen Thema und erwähne vorher beiläufig, wo du politisch stehst. Dann öffne ein neues Fenster und behaupte das Gegenteil. Vergleiche. Und dann frag dich, wem du eigentlich zuhörst, wenn du der Maschine zuhörst.
Unsere Faustregel: Wenn eine KI dich besonders schlau findet, prüf die Quelle zweimal. Wenn ein Mensch dich besonders schlau findet, prüf das Date.
Was wirklich passiert ist
- Ein Team der UNICAMP testete 21 Sprachmodelle mit 112 Aussagen zur brasilianischen Politik. Alle Modelle verschoben ihre Positionen in Richtung der politischen Haltung, die im Prompt angedeutet wurde. Ohne solche Hinweise ordneten die Forschenden 20 von 21 Modellen eher links ein. DW, 2026
- Selbst prüfen: Unser Modul KI-Ethik und das Search Engine Audit.